Das Jubiläumsjahr 2026 bewegt und inspiriert: Am 1. März 1901 nahm die Schwebebahn ihren Betrieb über der Wupper auf, und genau 125 Jahre später durften ihre Fahrgäste ein Wochenende lang kostenlos durch Wuppertal schweben. Geschätzt 100.000 Menschen nahmen die Einladung gerne an. Keine zwei Wochen nach dem großen Andrang bei der Jubiläumsfeier erscheint ein Buch für alle, die sich das Phänomen Schwebebahn einmal in Ruhe anschauen möchten. Der Band „Die Schwebebahn 1901-2026“ präsentiert Texte und Bilder rund um das Verkehrsmittel, das so vieles auf einmal ist: eine technische Meisterleistung und das Wahrzeichen einer ganzen Stadt, denkmalgeschützt und jeden Tag der Woche unterwegs.
Mindestens so interessant wie das Thema des Jubiläumsbuchs ist seine Entstehung. Dabei fällt auf, dass die Macher des Buchs die Schwebebahn im Alltag wohl nur selten nutzen werden: Autorin Katrin Adam, Jahrgang 1976, und der eine Generation ältere Fotograf Karl-Heinz Kamiz leben und arbeiten beide in Cronenberg. Was die zwei Bewohner der Südhöhen verbindet, ist die Faszination für das weltweit einzigartige Verkehrsmittel – und doch haben sie sich erst in Vorbereitung auf das Buchprojekt kennengelernt.
Die Zusammenarbeit von Adam und Kamiz hat der Bergische Verlag angeregt. Die freiberufliche Texterin und Lektorin – auch bekannt als „Textmamsell“ – arbeitet schon länger für den Verlag aus Remscheid, für den sie Buchmanuskripte prüft und lektoriert, darunter den Kriminalroman „Stille Wasser sind tot“ von Daniela Schwaner. Der Bergische Verlag veröffentlichte 2015 auch ihr erstes Buch: In „Die Wupper – eine Reise ins Innere der Stadt“ schrieb Adam zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Ernst-Wilhelm Bruchhaus über das gleichnamige Theaterstück von Else Lasker-Schüler, arbeitete seine Geschichte, Spielorte, Inszenierungen auf und verband die Fakten mit der Lebensgeschichte der Elberfelder Dichterin.
Vielbeschäftigt ist auch Karl-Heinz Kamiz. Die Fotografenlaufbahn hat er als Autodidakt begonnen und sich durch Seminare bei Fotografenmeistern und VHS-Kurse weitergebildet. Seine Interessen reichen von Architektur- und Porträtbildern bis hin zur experimentellen Fotografie. Als Mitglied des Fotoforums Wuppertal zeigt er seine Werke regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen.
Als sich Adam an die Arbeit für das neue Buch machte, hatte sie bloß eine Vorgabe zu erfüllen: „Die Stationen der Schwebebahn sollten betextet werden.“ Durch intensiven Austausch mit den Wuppertaler Stadtwerken kam mehr als genug Material zusammen. Im nächsten Schritt musste die Autorin das gesammelte Wissen in eine Form bringen. Also folgte sie schreibend dem Weg der Schwebebahn von West nach Ost: „Ich habe versucht, viele Informationen reinzubringen und dennoch verständlich zu bleiben.“
Bei der Lektüre wird die enge Verzahnung von Schwebebahn- und Stadtgeschichte deutlich. Ein Beispiel ist die Station Kluse, die den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel. Ihren Wiederaufbau beschlossen die Stadtwerke erst Jahrzehnte später, Anlass war die Einstellung des Straßenbahnbetriebs. Bei der Flut vor fünf Jahren wurde die Station von der Wupper überflutet und war monatelang außer Betrieb. Zur Sprache kommen auch die Unfälle, die am Image des „sichersten Verkehrsmittels der Welt“ gekratzt haben: So verbindet man bis heute die Station Robert-Daum-Platz mit dem Absturz einer Schwebebahn. Am 12. April 1999 gab es fünf Tote und 47 Verletzte.
Eingeleitet wird die literarische Schwebebahnfahrt durch ein Grußwort von Oberbürgermeisterin Miriam Scherff, die Beispiele für das „Aushängeschild“ Schwebebahn bringt: „There is nothing like it in Europe“, schrieb 2025 ein britischer Journalist. Es folgt ein Kapitel mit Schwebebahnaufnahmen aus allen Jahreszeiten, und Technikfans kommen bei der Vorstellung der Baureihen auf ihre Kosten. Durch Übersetzungen der Texte ins Englische, Französische und Spanische will das Buch auch internationale Wuppertal-Touristen erreichen.
Zu „Die Schwebebahn 1901-2026“ hat Kamiz knapp 40 Aufnahmen beigesteuert. Sie gehen mal einen Dialog mit Adams Texten ein, mal füllen sie ganze Seiten. Ins Auge fallen die Motive, die selbst über das Tal zu schweben scheinen. Die Draufsicht auf die Station Döppersberg hat der Fotograf allerdings nicht mit einer Drohnenkamera, sondern vom obersten Stockwerk des Sparkassenturms aus gemacht. Dann wieder nahm er am Panoramafenster einer neuen Schwebebahn Platz, um das Gerüst in all seinen Details in den Mittelpunkt zu rücken.
Ein Tor in die Vergangenheit öffnen Fotografien aus dem Wuppertaler Stadtarchiv. In Schwarzweiß sind die Bauarbeiter ebenso vertreten wie das Gefolge von Kaiser Wilhelm II., der der frisch errichteten Schwebebahn einen Besuch abstattet. Aufnahmen des 2020 verstorbenen WZ-Fotografen Kurt Keil dokumentieren jüngere Ereignisse.
Das Jubiläumsbuch „Die Schwebebahn 1901-2026“ hat 64 Seiten und zahlreiche Abbildungen. Erschienen ist der Band in mehreren Sprachen. Preis: 16,80 Euro. ISBN 978-3-96847-068-9
Daniel Diekhans (dad)